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Mit Tabletten zur Eins?

Lebhafter Austausch unter den Podiumsgästen
Lebhafter Austausch unter den Podiumsgästen

[26|04|2012]

Eine Podiumsdiskussion widmet sich dem Vormarsch von Medikamenten zur Steigerung der geistigen Leistung

Immer größer wird der Zeit- und Leistungsdruck in unserer Gesellschaft – und immer öfter greifen Menschen dann zu Medikamenten wie Ritalin oder Modafinil, um ihre Konzentrationsfähigkeit zu steigern oder einfach nur wach zu bleiben. In Deutschland betreiben laut einer aktuellen HIS-Studie rund 5 Prozent der Studierenden „Gehirndoping“, in den USA sogar 20 Prozent – meist werden die Medikamente illegal im Internet gekauft.

In vielen Bereichen können Medikamente und medizinische Hilfsmittel heute die Leistung eines (gesunden) Menschen steigern – ein prominentes Beispiel ist Doping im Leistungssport. Die Verbesserung der geistigen Leistungsfähigkeit, auch bekannt als „Cognitive Enhancement“, scheint der logische nächste Schritt zu sein. Doch wie wirksam sind die benutzten Medikamente? Welche Risiken und Nebenwirkungen haben sie? Und welche individuellen, gesellschaftlichen und kulturellen Auswirkungen hätte ihr breiter Einsatz?

Diesen Fragen widmete sich im April eine Podiumsdiskussion an der Hochschule München, die von Prof. Dr. Alfred Nischwitz, Fakultät für Informatik und Mathematik, organisiert und geleitet wurde. Die Podiumsgäste entstammten so unterschiedlichen Wissenschaftsfeldern wie Psychiatrie, Theologie, Philosophie, Neuroethik und Soziologie.

Unberechenbare Auswirkungen in komplexen System Mensch
Unser Wert als Mensch wird zunehmend über unsere Leistungsfähigkeit definiert, doch ist eine solche Perspektive sehr eingeschränkt. „Das Bild des Menschen als Einheit von Körper und Geist, als Wesen mit der Fähigkeit zu Kreativität, Selbstlosigkeit und Empathie gerät dabei immer weiter in den Hintergrund“, erklärte der Pater und Professor Dr. Stefan Oster von der Philosophisch-Theologischen Hochschule der Salesianer Don Boscos Benediktbeuern.

Medikamente wie Ritalin scheinen zwar keine körperliche Abhängigkeit zu verursachen, doch sei das Risiko einer psychischen Abhängigkeit gegeben, meint Prof. Dr. Dr. Dr. Felix Tretter, Chefarzt am Klinikum München-Ost und Leiter des Kompetenzzentrums Sucht. „Die gängigen Medikamente beeinflussen das gesamte Gehirn und wir wissen noch immer viel zu wenig über die Art und Weise, wie dieses funktioniert. Die Wirkung von Psychopharmaka und ähnlichem ist deshalb eine unberechenbare Kombination von Faktoren. Es besteht die Gefahr, dass sich bei gesunden Menschen Folgeerscheinungen wie Manien oder Psychosen entwickeln“, erklärt er.

Leistung steigern ohne Medikamente
„Wir leben in einer Zeit, in der Bedürfnisse schnellstmöglich befriedigt werden, sei es nun nach Konsumprodukten oder eben Konzentration“, erklärt der Sozialpädagoge Wilfried Gössl vom Institut für Persönlichkeitsentwicklung Weilheim. Doch Alternativen, die mehr Geduld und Arbeit erfordern und die natürlichen Bedürfnisse des Körpers nicht verdrängen, sind immer noch die bessere Wahl: Genug Schlaf, gute Lernstrategien, Entspannungstechniken und selbst Stresshormone steigern die Leistungsfähigkeit nachhaltiger und sicherer als es die momentan verfügbaren Medikamente können.

Die Zukunft mit Neuroenhancern
Wie die Entwicklung von Neuroenhancern in der Zukunft weitergeht, ist noch unklar – verschwinden werden sie aber so schnell nicht. Um dieser Entwicklung zu begegnen, sei deshalb mehr Forschung im Bereich der Neuroethik, aber auch eine genaue Untersuchung der Langzeitwirkungen von Neuroenhancern notwendig, erklärt Prof. Dr. Thomas Metzinger, Philosoph und Neuroethiker an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz. Auch eine Diskussion um Menschenbild und Werte unserer Gesellschaft sei dringend notwendig.

Lauter kleine Einsteins werden wir mit Ritalin und Co. erst einmal nicht werden. Die momentan verfügbaren Stoffe verbessern nur kognitive Fähigkeiten wie Wachheit, Reaktionsfähigkeit und Konzentration, aber nicht die Intelligenz und auch nicht zwingend Selbstkontrolle oder Motivation. Vielleicht wird es in Zukunft Mittel geben, die das können oder uns gar wirklich zu besseren Menschen machen. Zunächst aber wäre es schon schön, meint Felix Tretter, wenn es Medikamente gäbe, um psychische Erkrankungen zuverlässig behandeln zu können, die viele Menschen belasten.


kpf

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